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Papa Momente

Willkommen in der Autonomiephase

Irgendwie hatte ich gehofft, dass dieser Tag nie kommen wird. J. J. war so pflegeleicht, hat eigentlich immer alles super mitgemacht, sei es Zähneputzen, Windelwechseln oder Anziehen. Es funktionierte einfach.

Sie hat immer Ja gesagt.

Gehen wir Zähneputzen? Ja

Magst du Trauben essen? Ja

Ich möchte ein Buch anschauen, guckst du mit? Ja

Magst du einen Klapps auf den Po? Ja (also sie hat ja gesagt aber den Klapps natürlich nicht bekommen)

Daran haben wir uns richtig gewöhnt. Doch seit ungefähr einer Woche hat sich das plötzlich geändert. Nahezu alle Fragen oder Ansagen werden mit einem „NEIN!“ dementiert.

Magst du was essen? NEIN

Wir gehen jetzt raus. NEIN

Wir bleiben drinnen. NEIN

Wir müssen die Zähne putzen! NEIN

Jetzt wird umgezogen. NEIN

NEIN“ ist ihr neues Lieblingswort und hat den langzeitigen Spitzenreiter „JA“ vom Treppchen gestoßen. Natürlich zum absoluten bedauern der Eltern. Die Bedeutung von „Nein“ kennt sie und lernt dieses Wort gerade richtig toll und vehement anzuwenden.

Sollten wir Eltern hier eigentlich stolz auf unser Kind sein?

Früher haben wir uns ja auch immer gefreut, wenn sie etwas Neues gelernt hat. Sie ist schließlich in einer neuen Entwicklungsphase angekommen und das ist doch was Gutes. Aber diese Phase heißt Autonomiephase, auch bekannt unter Trotzphase, und macht weit weniger Spaß als die vorherigen Phasen. Trotzphase klingt aber so negativ, daher hat man sich in der Psychologie auf den Begriff Autonomiephase geeinigt.

Freuen wir uns nun über das Erreichen dieser tollen Phase?

Die Antwort ist wohl ein „Jain“. Natürlich ist es schön zu sehen wie J. J. sich motorisch und geistig weiterentwickelt. Sie möchte sich ausdrücken und immer mehr selbstständig machen. In der Früh haben wir meistens einen recht straffen Zeitplan. Um 7 Uhr stehe ich auf und um 7:15 Uhr wird J. J. aus dem Bett geholt. Es wird gefrühstückt, Zähne geputzt, Windel gewechselt und schließlich angezogen um dann gegen 8 Uhr vor der Krippe zu stehen. Mit Kleinkind ist das durchaus schwierig zu bewerkstelligen. Jetzt kommt aber dazu, dass J. J. nahezu alle Schritte alleine machen möchte und das kann dauern.

Essen klappt gut und passt auch gut in den Zeitplan. Ihre Hose kann sie inzwischen auch ganz gut selbstständig anziehen – nicht immer richtig rum aber was solls. Die anderen Schritte fallen ihr noch sehr schwer und sie braucht an der ein oder anderen Stelle unsere Hilfe. Wenn die Hilfe aber nicht angenommen werden möchte, kann es schnell in einem Meer aus Tränen ausarten. An der Stelle hilft dann eigentlich nichts mehr außer vieeeel Geduld und Zuspruch. Dann braucht man als Eltern ein dickes Nervenkostüm und zeitweise/ggf. Ohrenstöpsel.

Zum Glück beruhigt sich J. J. aber so gut wie immer selber, sobald wir an der frischen Luft sind. In der Krippe ist sie dann wieder super gut gelaunt, begrüßt alle und ist der allen bekannte Engel. Da glaubt mir doch keiner, dass sie daheim auch ein richtiges Teufelchen sein kann…

Geduldig sein

Wenn wir keinen Zeitplan einzuhalten haben, fällt das mit der Geduld natürlich viel leichter. Eine halbe Stunde oder ganze Stunde hin oder her ist dann nicht mehr ganz so wichtig. Wir setzen uns zu J. J. auf den Boden reden mit ihr und trösten sie. Machen ihr klar, dass wir ihre Gefühle ernst nehmen. Wir sagen ihr, dass wir sie verstehen und dass sie jetzt sauer ist, weil das nicht so klappt wie sie sich das vorstellt und sie ihre Wut darüber ruhig rauslassen soll.

Wir loben sie, dass sie zum Beispiel die Hose so toll alleine angezogen hat. Wenn sie aber zum Beispiel die Socken noch nicht alleine schafft, machen wir ihr klar, dass das auch schwierig ist und sie wohl noch ein wenig üben muss bis es dann mal klappt. Wir bieten unsere Hilfe an und versuchen sie zu beruhigen.

Manchmal kommt es vor, dass sie sich in ihrem Frust von uns abwendet und weinend in eine Ecke des Raumes zurückzieht. Gefühlt möchte sie eins mit der Wand werden. Solche Momente sind für mich emotional wirklich schwierig zu handhaben. Das tut einem Papa einfach weh zu sehen. Wenn ich ihr näherkomme, entfernt sie sich noch weiter. Also setze ich mich ins Wohnzimmer und sage ihr, dass sie jederzeit zu mir kommen kann um getröstet zu werden. Das funktioniert oft weit besser als ihr meine Nähe „aufzuzwingen“. Nach ein paar Minuten kommt sie oft weinend zu mir und setzt sich zu möchte auf den Schoß.

Wie kann ich solche Situationen vermeiden?

Ich glaube solche Situationen können und sollen nicht vermieden werden. Diese kleinen oder auch großen Dramen, die sich mit Kleinkindern nahezu täglich abspielen, sind ganz normal und wichtig für die Entwicklung des Kindes. Es lernt nun ein Ich-Bewusstsein aufzubauen und mit seinen Emotionen umzugehen. Und dieser Umgang muss täglich trainiert und geübt werden. Das heißt: es muss immer und immer wieder zu diesen Gefühlsdramen kommen 😀 Was ein Spaß!

Was kann ich also machen?

Vor allem die Entwicklung des Gehirns bei Kleinkindern befeuert diese Dramen. Während der Bereich für Emotionen von Anfang an bereits nahezu 100 % entwickelt ist, ist der Bereich der Vernunft nahezu gar nicht vorhanden. Das heißt: Kommt es zu Frust, Wut oder Trauer, übernimmt der Bereich der Emotionen die absolute Kontrolle. Mit Vernunft kommen wir Eltern jetzt nicht mehr weit. Dann ist es wichtig, das Vernunftszentrum zu schulen. Wir können dem Kind sagen wie es sich fühlt und Strategien erarbeiten, wie man damit besser umgehen kann. Eine Wutbox oder ein Schreikissen kann helfen. Manchen Kindern hilft auch ein Rollenspiel mit einer Puppe. Aktuell hilft J. J. hauptsächlich das Gespräch und Ablenkung.

Noch etwas Positives

Um nicht ganz zu verzweifeln hilft es bestimmt sich selbst immer wieder zu sagen: „Das ist nur eine Phase, die geht vorbei“. Auch wenn die Phase ungefähr 2-3 Jahre andauern kann – Kopf hoch, Augen zu und durch – immerhin müssen alle Eltern da durch (auch wenn nicht alle darüber reden=)

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2 Antworten auf „Willkommen in der Autonomiephase“

Ein schöner Beitrag. Ich kann gut nachvollziehen, was da gerade auf euch zukommt. Viel Ausdauer, Geduld und Nervenstärke! 😉
Spannend wird es auch, wenn die Phase dann losgeht, in der nur noch alles selber gemacht werden muss…hahaha.

LG, Richard von der papammunity.de

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